Frankreich muss Anlegern für zehnjährige Staatsanleihen mehr bieten als Italien: Mitte Oktober lag die Rendite französischer Papiere rund 0,3 Prozentpunkte über der italienischer. Dabei ist Italien gemessen an seiner Wirtschaftsleistung deutlich höher verschuldet: Seine Schuldenquote lag Ende März bei knapp 139 Prozent, die Frankreichs bei rund 118 Prozent. In der Euro-Schuldenkrise 2011/2012 zahlte Italien noch deutlich mehr als Frankreich. Für Mathias Beil, Leiter Private Banking der Sutor Bank, folgt der Rollentausch einem alten Muster: Schon zu Napoleons Zeiten zählte am Kapitalmarkt Verlässlichkeit mehr als Macht. Vom Kauf französischer Staatsanleihen rät Beil derzeit eher ab. Am 23. Oktober überprüft die Ratingagentur Moody’s ihre Bonitätsnote für Frankreich, der Ausblick ist bereits negativ.
Der Renditeabstand zehnjähriger französischer Staatsanleihen zu deutschen Bundesanleihen lag Mitte Oktober bei gut 1,4 Prozentpunkten. Anfang Oktober war er so groß wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Die Rendite zehnjähriger französischer Anleihen erreichte zeitweise rund fünf Prozent. Ein Teil davon spiegelt das allgemeine Zinsniveau im Euroraum. Der Abstand zur Bundesanleihe zeigt dagegen, was Anleger speziell für Frankreich verlangen. „Die alte Einteilung in Kern- und Randländer der Eurozone trägt nicht mehr“, sagt Beil. „Der Markt sortiert heute nach Haushaltsdisziplin, nicht nach Geografie.“
Italien hat sein Defizit nahe an die Drei-Prozent-Grenze der EU gebracht. Die französische Regierung erwartet für dieses Jahr ein Defizit von mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung. Hinzu kommt aus Beils Sicht die politische Lage: Die Minderheitsregierung von Premierminister Sébastien Lecornu ringt um den Haushalt 2027, der Finanzausschuss der Nationalversammlung hat dessen Einnahmenteil bereits abgelehnt. Schon den negativen Ausblick hatte Moody’s mit der politischen Zersplitterung begründet.
Blick zurück: Schon Napoleon fehlte das Vertrauen der Geldgeber
Schon in der Historie zählte das Vertrauen der Geldgeber besonders viel: Unter Napoleon I. war Frankreich zwar die führende Macht auf dem Kontinent, günstigen Kredit erhielt der Staat dennoch nicht. Eine Untersuchung der Wirtschaftshistoriker Michael Bordo und Eugene White zu den Staatsfinanzen jener Zeit kam zu der Erkenntnis, dass Frankreichs schwacher Ruf als Schuldner Napoleon zwang, seine Ausgaben vor allem über Steuern zu finanzieren. Großbritannien dagegen galt als verlässlich. Es lieh sich große Summen zu vergleichsweise niedrigen Zinsen. „Schon zu Napoleons Zeiten entschied nicht Macht über die Kreditkosten, sondern der Ruf als Schuldner“, sagt Beil. „Daran hat sich bis heute nichts geändert.“
Keine akute Gefahr für den Euro – aber steigende Zinslast für Frankreich
Eine akute Gefahr für den Euro sieht Beil nicht. Frankreich verschulde sich in Euro an einem großen, liquiden Markt. Zudem gelte die höhere Rendite nur für neu ausgegebene Anleihen. Bestehende Schulden liefen zu ihren alten Konditionen weiter, die Zinslast steige deshalb nur nach und nach. Spürbar ist der Anstieg trotzdem: Laut Haushaltsentwurf wachsen die Zinsausgaben des Zentralstaats 2027 um rund zehn Milliarden Euro.
Auf die Europäische Zentralbank können Anleger aus Sicht von Mathias Beil dabei nur bedingt setzen. Ihr Schutzinstrument TPI kann sie nur gegen Marktbewegungen einsetzen, die nicht durch die wirtschaftlichen Fundamentaldaten gerechtfertigt sind. Zudem setzt es eine tragfähige Haushaltspolitik des betroffenen Landes voraus.
Für Anleger sei die höhere Rendite französischer Anleihen kein Geschenk, sondern eine Risikoprämie, so Beil. Er rät derzeit eher davon ab, französische Staatsanleihen zu kaufen. Der wichtigste Indikator bleibe aus seiner Sicht der Renditeabstand zur Bundesanleihe. Kritisch würde es, wenn sich dieser dauerhaft ausweite und die Unruhe auf andere Staatsanleihen übergreife. „Am Anleihemarkt zählt nicht allein die Höhe der Schulden, sondern wie verlässlich ein Land mit ihnen umgeht“, sagt Beil. „Diese Verlässlichkeit kann nur Frankreich selbst beweisen, nicht die EZB.“





